Marion's profileWenn die Seele träumtPhotosBlogListsMore Tools Help

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    July 29

    Gefühle

     
     

     
     
     
     
     
     
     

     
     
     
     

    July 26

    An die Sonne

     
     


     
    An die Sonne
     
     
    Frau Sonne, diesmal trifft sie's nicht,
        Wenn sie von meinem Liede
    Sich nichts, als Schmeichelei, verspricht;
        Ich bin des Lobens müde.
    D'rum höre sie: Trotz ihrem Glanz,
    Und Strahlenrock und Sternenkranz,
        Trotz ihrer gold'nen Scheitel,
        Ist sie ein Weib - und eitel.
     
    Bespiegelt und begäffelt sie
        Sich nicht in jedem Teiche?
    Begeht sie nicht, so spät als früh,
        Die tollsten Weiberstreiche?
    Ein wunderschöner Lebenslauf! -
    Geschminkt steht sie des Morgens auf,
        Geschminkt geht sie zu Bette,
        Wie eine Erzkokette.
     
    Sie prätendirt, die ganze Welt
        Soll sich in sie vergaffen;
    Sobald ihr's aufzusteh'n gefällt,
        Da soll kein Thier mehr schlafen:
    Der Hahn muß auf zum Morgengruß,
    Sogar die Sonnenblume muß
        Den Seladon ihr spielen,
        Und stets nach ihr nur schielen.
     
    Sie glaubt, die Vögel übeten
        Für sie nur ihre Kehlen,
    Und schämt sich nicht, uns Schlafenden
        Die Frühmusik zu stehlen:
    Und können Abends die nicht mehr,
    So müssen Frösch' und Grillen her,
        Und ihr ein Tutti singen,
        Um sie in Schlaf zu bringen.
     
    Auch ist sie gar zu sehr erpicht,
        Mit ihrem Reiz zu prahlen,
    Stets soll er uns in's Angesicht
        Ganz ohne Schleier strahlen;
    Schlei'rt ihn ein Sommerwölkchen ein,
    So blitzt und donnert sie darein
        Bei hellen Thränengüssen,
        Bis sie den Schlei'r zerrissen.
     
    Da schwimmt nun ihre Majestät
        In einem Meer von Glanze,
    Und wo sie nur vorübergeht,
        Da huldigt Strauch und Pflanze.
    Die armen Blümchen dauern mich,
    Sie bücken bis zur Erde sich;
        Kein's darf das Köpfchen heben,
        Bis sie sich wegbegeben.
     
    Doch, daß sie niemand d'rum besieht,
        Wie ihr die Runzeln lassen,
    So pflastert sie sich täglich mit
        Demanten und Topassen:
    Das treibt sie bis zum Augenweh;
    Doch pflegte sie im Negligé
        Nur einmal auszugehen,
        Wir würden Wunder sehen.
     
    Mit schönen Mädchen treibt sie gar
        Ein jämmerlich Spektakel:
    Nimmt sie nur ein's von weitem wahr,
        Husch schüttelt sie die Fackel,
    Und brennt die feinste Lilienhaut
    So kohlpechschwarz, daß einem graut
        Und könnte sie, ich glaube,
        Sie brennte sie zu Staube.
     
    Doch wissen ihr auch ritterlich
        Die Schönen Trotz zu bieten,
    Und kämpfen gegen ihren Stich
        Mit Fächer, Schirm und Hüten:
    D'rum hat Madam wohl hundertmal
    Gewünscht: Ha! daß die Dirnen all'
        Von Schmalz und Butter wären,
        Wie wollt' ich sie zerstören!
     
    Zwar, daß sie gern sich trägt zur Schau,
        Ließ sich noch übersehen;
    Doch ihre Neugier, gnäd'ge Frau,
        Ist gar nicht auszustehen.
    Denn, weil sie grosse Augen hat,
    So, meint sie, dürf' in Feld und Stadt
        Nichts unbegafft geschehen,
        Sie müsse alles sehen.
     
    Da guckt, wenn man im Bett noch liegt,
        Sie durch die Fensterscheiben,
    Kein Mädchen will, so ungeblickt,
        Dann mehr im Bette bleiben:
    Das thut sie bloß aus Eifersucht:
    In Grotten und in Lauben sucht
        Sie sich hineinzustehlen,
        Die Liebenden zu quälen.
     
    Ey pfui, Madam, so kurios
        Ist wohl kein Weib auf Erden.
    So muß denn alles, klein und groß,
        Von ihr beglasaugt werden?
    Was hilft's? verkröche man sich auch
    Selbst in der Mutter Erde Bauch,
        Sie ist im Stand der Alten
        Den Bauch entzwei zu spalten.
     
    Sie selbst gibt doch den Frauen kein
        Gar sonderlich Exempel.
    Wo sie ist, trollt Herr Mondenschein
        Sich flugs hinaus zum Tempel.
    Man weiß ja wohl Frau Ueberall,
    Warum sie diesen zum Gemahl
        Vor allen auserlesen -
        Weil er stockblind gewesen.
     
    Kein so verbuhltes Weib gibt's nicht
        Im Himmel und auf Erden;
    Bekäm' Herr Mond sein Augenlicht,
        Er müßte rasend werden.
    Bis mit den Sternen sie nicht satt
    Gebuhlt und liebgeäugelt hat,
        Eh pflegt sie ihren Grauen
        Nicht einmal anzuschauen.
     
    Sie kann, so oft es ihr gefällt,
        Ein Schnippchen ihm versetzen,
    D'rum trägt er auch vor aller Welt
        Zwei Hörner zum Entsetzen;
    Und will der Hahnrei seinem Weib
    Zuweilen näher auf den Leib,
        So kriegt er finst're Blicke
        Und muß beschämt zurücke.
     
    Sie läßt sich zwar die Königin
        Des Sternenhimmels schelten;
    Allein den königlichen Sinn
        Muß man genug entgelten:
    Sie sengt und brennt ja mörderlich,
    Und weiß dabei - recht königlich, -
        Für ihre Hand voll Weizen
        Des Pflügers Haut zu beizen.
     
    Gibt sie die eine Hand uns voll,
        So nimmt sie mit der andern:
    Sie geht ja um mit Kraut und Kohl,
        Als wie mit Salamandern:
    Mit ächter Königspolitik
    Versenget sie oft Stück für Stück,
        Die Felder und die Saaten,
        Läßt Trauben nur gerathen.
     
    Ey, für ein königliches Haupt
        Heißt das sich sehr vergessen,
    Wenn man von Unterthanen glaubt,
        Sie könnten Kohlen fressen.
    Nicht wahr, Frau Klug, ihr fiel nicht ein,
    Daß man beim allerbesten Wein
        Und einer leeren Tenne
        Fein hübsch verhungern könne.
     
    Man nennt mit Recht sie das Modell
        Von königlichen Geistern,
    Die mit dem ersten Blicke schnell
        Ein ganzes Weltall meistern:
    Denn auch Madam mit ihrem Licht
    Sieht alles - nur sich selber nicht,
        Und wird an sich die Flecken
        Wohl nimmermehr entdecken.
     
    Ich aber bin nicht undankbar,
        Daß ich von ihr gebeichtet,
    Was lang mir auf dem Herzen war,
        Indeß sie mir geleuchtet;
    Denn, um für ihren Sonnenschein
    Ihr gar nicht obligirt zu sein,
        Schrieb ich an dem Gedichte
        Nur Nachts - beim Kerzenlichte.

    Aloys Blumauer (1755-1798)
     

     

    July 23

    Regen Sommer

     
     
     
     
     


    RegenSommer
     
     Nasser Staub auf allen Wegen!
    Dorn und Distel hängt voll Regen
    Und der Bach schreit wie ein Kind!
    Nirgends blüht ein Regenbogen,
    Ach, die Sonn' ist weggezogen
    Und der Himmel taub und blind!
     
    Traurig ruhn des Waldes Lieder,
    Alle Saat liegt siech darnieder,
    Frierend schläft der Wachtel Brut.
    Jahreshoffnung, fahler Schimmer!
    Mit den Menschen steht's noch schlimmer,
    Kalt und träge schleicht ihr Blut!
     
    Krankes Weib am Findelsteine
    Mit dem Säugling, weine! weine
    Trostlos oder hoffnungsvoll:
    Nicht im Feld und auf den Bäumen -
    In den Herzen muss es keimen,
    Wenn es besser werden soll!
     
    Fleh' zu Gott, der ja die Saaten
    Und das Menschenherz beraten,
    Bete heiss und immerdar,
    Dass er, unsre Not zu wenden,
    Wolle Licht und Wärme senden
    Und ein gutes Menschenjahr!

     

    (Gottfried Keller (1819-1890)

     

    July 20

    Urlaub in Bayern (humorig)

     

     

     

     

     

     

                       Urlaub in Bayern

    Letztes Jahr im Sommer waren wir in Urlaub in Bayern. Meine

    große Schwester Jessica, meine Eltern und unser Hund Burgsmüller.

    Ich war auch dabei und ich heiße Torsten und bin sieben

    Jahre alt. Meine Eltern waren schon öfters in Bayern, aber

    für mich war es der erste Urlaub im Ausland, weil ich bisher nur

    in Bibione war. Bayern wäre eigentlich sehr schön, aber man

    sieht es kaum, weil überall Berge davorstehen und es verdecken.

    Sehr cool sind manche Häuser. Sie sind tätowiert, zum Beispiel mit einem

    Hirsch, einem Berg oder einem Baum. Aber weil die Bayern das Wort „Tatoo“

    noch nicht kennen, sagen sie „Lüftlmalerei“ dazu.

    Die Bayern sind lustige Menschen und lachen viel mehr wie die Leute bei uns

    zu Hause. Sie mögen uns sehr, denn wenn sie uns sehen, lachen sie noch

    mehr. Viele heißen Sepp, die meisten jedoch „Hä“. Das lustige in Bayern ist

    die Sprache. Manche können deutsch, aber nicht alle. Der Ort, wo wir in einer

    Pension gewohnt haben, war da, wo Bayern „Oberpfalz“ heißt und da ist die

    Sprache echt krass. Als wir einmal gewandert sind, sind wir an einem Bauerhof

    vorbeigekommen und davor saß ein alter Mann auf einer Bank, aß ein

    Stück Torte und trank dazu eine Flasche Bier. Mein Vater sagte zu ihm, dass

    schönes Wetter ist und der Mann meinte „Loumameirouh“!

    Das heißt wahrscheinlich „Guten Tag“. Ich wollte es gleich ausprobieren, ob

    ich die Sprach auch kann und sagte zu dem Mann „Loumameirouh“. Er blickte

    aber sehr böse und sagte zu mir „Saubougejbloßzou“. Da sagten wir lieber

    nichts mehr und gingen weiter, weil wir ihn nicht reizen wollten. Der Mann

    stand dann auf, stöhnte und sagte: „Ohboudescheißschouh“.

    Das heißt wahrscheinlich „Tschüss“ oder so.

    Gut gefallen haben wir in Bayern die Feste. Irgendwo ist immer eines. Da sitzen

    dann die Bayern und trinken Bier aus gläsernen Eimern, die sie „Maß“

    nennen. Die Frauen haben kleinere Eimerchen, die heißen „Halbe“. Normale

    Gläser gibt es nur für Kinder oder ganz alte Frauen. Wir sind auf einem Fest

    gewesen, und es war sehr schön. Ich habe Pommes mit Ketschup gegessen,

    meine Schwester Jessica nichts wegen der Kalorien und meine Mutter ein

    halbes Hähnchen namens „Hendl“. Der Papa hat weisse Spiralen gegessen,

    die „Radi“ hießen und dazu einen Einem Bier. Er sagte, das Radi rumort ganz

    doll in seinem Bauch und als er rülpste, fiel meine Mutter beinahe das Hähnchen

    hinunter.

    Wenn die Bayern einige Eimer Bier getrunken haben, schlafen sie ein oder

    sie reden in einer Geheimsprache, die man nicht versteht. Es sind nur sehr

    kurze Wörter und mit dessen reizen sie sich gegenseitig, bis sie raufen.

    Auf dem Fest, bei dem wir waren, konnte man dies sehr schön beobachten.

    An unserem Nachbartisch im Bierzelt saßen einige Bayern mit ihren Eimern.

    Zuerst lachten sie und guckten zu uns herüber. Einer von ihnen konnte sogar

    italienisch, den er sagte zu meiner großen Schwester immer „Dipackiano“.

    Sie verstand ihn aber nicht, weil sie nicht italienisch spricht. Plötzlich kam ein

    anderer Bayer am Nachbartisch vorbei und schon spielten sie das lustige

    Spiel: „Erst reden, dann raufen“. Einer von denen, die am Tisch saßen, sagte

    zu dem, der vorbeiging: „Hä“! Darauf sagte der Vorbeigehende: „Wos hä“?,

    worauf der andere ziemlich böse meinte: „Hä, gell hä“! Das hätte er vermutlich

    nicht sagen sollen, denn der Vorbeigehende sagte nur mehr: „Pass bloß

    aaf, hä“ - und schon rauften sie. Obwohl es ziemlich lustig war, gingen wir,

    denn meine Mutter mag keine Gewalt.

    Etwas anderes ist mir auch noch aufgefallen in Bayern. Bayern reden nicht so

    gerne wie wir. Manche sind beinahe stumm. Dies kann man am besten im

    Wirtshaus sehen. Eines Abends ging mein Vater mit mir ins Dorfwirtshaus

    und wir bestellten Bratwürste mit Kraut, die sehr lecker schmeckten. Es waren

    außer uns nur zwei Einheimische da. Diese saßen am Stammtisch, tranken

    Bier und schwiegen. Mein Vater sagte freundlich zu ihnen: „Die Bratwürste

    schmecken hervorragend, meine Herren“! Sie aber schwiegen weiter. Sie

    sagten zu meinem Vater nichts, zu mir nichts und zu sich auch nichts.

    Wenn sie nicht ab und zu vom Bier getrunken hätten, hätte man meinen können,

    sie seien tot.

    Plötzlich, nach ungefähr einer Stunde, tat sich etwas. Einer von den beiden

    seufzte „jamei“, und wir dachten jetzt beginnt ein Gespräch. Doch der andere

    sagte nur „owa ehrlich“, und das war es dann.

    Mein Vater machte noch einen Versuch und rief hinüber: „Es gefällt uns sehr

    gut hier bei Ihnen in Bayern! Wir waren auch schon auf dem Feuerwehrfest!

    Da gabs eine zünftige Rauferei! Haha! Waren Sie auch schon auf dem Fest,

    meine Herren“? Da sagte ein Bayer zum anderen: „Eam schau o“. Dann war

    es wieder ruhig. Dies war meinem Vater dann doch unheimlich und wir zahlten

    und verließen den stillen Ort. Beim Hinausgehen sagte Papa noch zu den

    Männern: „Gute Nacht, die Herren! Ich wünsche noch einen schönen Abend“!

    Sie wünschten uns nichts.

    Aber die Bayern sind nicht immer so mürrisch. Zum Beispiel sind sie richtig

    lustig, wenn sie sich gegenseitig beleidigen. Das gefällt ihnen scheinbar sehr.

    Als mein Vater und ich einmal in unserem Urlaubsort in der Dorfmetzgerei

    einkauften, kam ein Bayer herein und sagte zum Metzger: „Servus Hans, du

    oider Hunzkrippl“! Da lachte der Metzger und sagte: „Habe d`Ehre Sepp, du

    Berner, du greislicher“! Sepp, der Berner, freute sich sehr über die nette Begrüßung.

    Als noch ein weiterer Bayer hereinkam, wurde die Stimmung immer

    besser. Er begrüßte die anderen beiden mit einem herzlichen „Ja, do schau

    her, da Sepp und da Hans! Griaß Eich, ehs Schlawiner, es elendigen“!

    Auch Hans, der Hunzkrippl und Sepp, der Berner, begrüßten den Neuankömmling

    und riefen: „Ja griaßde Franz, oider Suffbeidl, stingerter“!

    Franz Suffbeutel war total begeistert und lachte über das ganze Gesicht.

    Dann sagte Sepp, der Berner, zu Hans, dem Metzger bzw. Hunzkrippl: „Hä

    Hans, gib ma amol drei Boor vo deine greislichen Pflälzer, du Leitbscheißer,

    du windiger“! Metzger Hans meinte dazu: „Für dein Saumogn taugns allawei!

    No, du gschwollkopferter Bauernfünfer, du staubiger Bulldogmißhandler, du

    grausamer“!

    Es gibt scheinbar nicht schöneres für einen Bayern, als beleidigt zu werden,

    denn sowohl Hans, der Leutebescheißer als auch Sepp, der Berner und Bauernfünfer

    und Franz Suffbeutel waren in einer Super-Stimmung und lachten

    herzhaft.

    Mein Vater meinte zu mir: „Pass auf Jochen, jetzt mache ich auch mit bei

    dem Spaß“! Dann sagte er zum Metzger: „Geben Sie mir bitte hundert

    Gramm von ihrer verfaulten Salami, sie Vollidiot“!

    Plötzlich lachte keiner mehr und alle sahen meinen Vater an, sogar die alte

    Frau, die im Laden war. Der Metzger sagte mit finsterem Gesicht: „Schau

    bloß dass du weidakimmst, du Preissnschädl, du gfotzerter“!

    Das habe ich zwar nicht genau verstanden, aber es hörte sich nicht gut an

    und wir verließen ohne Wurst die Metzgerei. Wahrscheinlich ist „Vollidiot“ eine

    Beleidigung die die Bayern nicht kennen und deshalb freuen sie sich nicht

    darüber.

    Sonst war es in Bayern sehr schön, besonders die Pommes und das Eis. Ich

    habe mich sehr gefreut, denn ich durfte abends immer mit vier Jungs aus

    dem Dorf Fußball spielen. Die bayerischen Jungs sind echt nett, sie ließen

    mich sogar den Ball holen, wenn er in Nachbarsgarten geflogen war und sagten,

    das ist eine große Ehre für mich. Als ich den Ball wieder herausgeholt

    hatte, sagten sie, dass es nicht nur eine große Ehre, sondern auch ein großes

    Glück für mich war, weil heute scheinbar der Kampfhund nicht zu Hause

    ist. Das ist doch voll lustig, oder?

    Ich habe mir extra die Namen der Jungs notiert, damit ich ihnen nach dem

    Urlaub schreiben kann. Sie heißen Ülcgür, Ferdl, Erdal-Alois und Kilian.

    So, das wars.

    Ich freue mich schon auf den nächsten Urlaub in Bayern, weil Bayern ist voll

    cool.

    Vorher kaufe ich mir noch ein Wörterbuch.

     

    (Verfasser unbekannt)

    Gesehen bei „funverteiler“

     

     

     

    July 14

    Das Unglück lieben

     
     
     
     
     
     
     
     
                   

                   
    Das Unglück lieben
     
     
    Das Unglück lieben - o das heißt,
    Durch Dorngestrüppe, das uns blutig,
    Das uns das Kleid vom Leibe reißt,
    Im Dunkel gehn, am Abgrund mutig;
    Es heißt nicht gehn im Sonnenschein,
    Jedoch auch leiden nicht allein.
     
    Das Unglück lieben heißt, zugleich
    Verachtung, Spott und ohne Klagen,
    Gefaßt auf jeden Wetterstreich,
    Der Erde Doppellast ertragen,
    Dem süßen vorziehn bittern Trank
    Und ernten, ach, nur kargen Dank.
     
    Das Unglück lieben heißt, ein Kind
    Mit heim von öder Straße nehmen,
    Beschützen vor dem rauhen Wind,
    Heißt, harten Sinn und Stolz beschämen,
    Selbst nicht vor Trotz und Widerstand
    Zurückziehn seine Retterhand.
     
    Das Unglück lieben heißt, nicht Flaum
    Und weiche Polsterdecken lieben,
    Doch die, die umgehn wie im Traum,
    Die Ärmsten, die zurückgeblieben,
    Errettend wiederum hervor
    Geleiten, zu dem Glück empor.
     
    Das Unglück lieben heißt, die Not
    Des Erdendaseins ganz empfinden,
    Die Ohnmacht vor dem Machtgebot,
    Dem kein Geschöpf sich kann entwinden,
    Heißt streifen an des Engels Flug,
    Der auf die Welt das Mitleid trug.
     
    Hermann von Lingg (1820-1905)

    July 02

    Bebilderte Sprüche