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December 07
Hoffnung zur Weihnacht
Wenn dieses Jahr er leuchtet,
Der Stern am Himmelszelt,
Sind viele Menschen traurig
Auf der ganzen Welt -
Auch dieses Jahr wird’s Weihnacht,
Doch nicht in jedem Herz,
Es gab zu viele Tränen,
Unermesslich ist der Schmerz.
Was muß alles geschehen,
Dass Menschen menschlich werden
Und endlich, endlich Friede
Wird bei uns auf Erden.
Wir bräuchten uns nichts schenken,
Doch an eines ganz allein,
Sollten alle Völker Denken:
Dem andern gut zu sein!
Der Weihnachtsfriede geht
Von jener Krippe aus,
Er möge dich erreichen,
Wo du auch bist zu Haus.
Du mögest ihn auch finden,
Ob arm du bist, ob reich,
wenn’s mancher auch nicht glaubt,
Wir sind doch alle gleich.
Zu dem Kind in jenem Stall
Sollten wir uns all’ gesellen,
Denn es braucht jeden Menschen,
Um die Leiden abzustellen.
Dies schafft es nicht allein,
Auch nicht als Gottes Sohn,
Ein jeder ist gefordert,
Zu verlassen seinen Thron,
Auf dem er sitzt und glaubt,
Er ändere die Welt -
Es kann nie Friede werden,
Wenn es sich so verhält.
Wir wollen sie anzünden,
Die Hoffnung in den Herzen,
Wir wollen daran glauben,
Dass sie entflammt, wie Kerzen
Auf den ungezählten Bäumen,
Die wir Menschen aufgestellt -
Lasst uns bitten um den Frieden
für uns und für die Welt.
Unbekannt
November 17
Seemärchen Und als die Nixe den Fischer gefaßt, Da machte sie sich abseiten; Sie schwamm hinaus mit lüsterner Hast, Hinaus in die nächtlichen Weiten. Sie schwamm in gewaltigen Kreisen herum, Bald oben, bald tief am Grunde, Sie wälzt' mit dem Armen sich um und um Und küßt ihm das Rot vom Munde. Drei Tage hatte sie Zeitvertreib Mit ihm in den Meeresweiten Am vierten ließ sie den toten Leib Aus ihren Armen gleiten. Da schoß sie empor an das sonnige Licht Und schaute hinüber zum Lande; Sie schminkte mit Purpur das weiße Gesicht Und nahte sich singend dem Strande.
Gottfried Keller (1819-1890)
November 12
Die Treppe der Orangerie
Versailles
Wie Könige die schließlich nur noch schreiten fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit sich den Verneigenden auf beiden Seiten zu zeigen in des Mantels Einsamkeit -:
so steigt, allein zwischen den Balustraden, die sich verneigen schon seit Anbeginn, die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden und auf den Himmel zu und nirgends hin;
als ob sie allen Folgenden befahl zurückzubleiben, - so daß sie nicht wagen von ferne nachzugehen; nicht einmal die schwere Schleppe durfte einer tragen.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
October 21
Herbstbild Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum, Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah, Die schönsten Früchte ab von jedem Baum. O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält, Denn heute löst sich von den Zweigen nur, Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel(1813-1863)
August 19
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Beginn des Endes Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz, Nur ein Gefuehl, empfunden eben; Und dennoch spricht es stets darein, Und dennoch stoert es dich zu leben. Wenn du es andern klagen willst, So kannst du's nicht in Worte fassen. Du sagst dir selber: "Es ist nichts!" Und dennoch will es dich nicht lassen. So seltsam fremd wird dir die Welt, Und leis verlaesst dich alles Hoffen, Bis du es endlich, endlich weisst, Dass dich des Todes Pfeil getroffen. Theodor Storm)
| July 26

An die Sonne Frau Sonne, diesmal trifft sie's nicht, Wenn sie von meinem Liede Sich nichts, als Schmeichelei, verspricht; Ich bin des Lobens müde. D'rum höre sie: Trotz ihrem Glanz, Und Strahlenrock und Sternenkranz, Trotz ihrer gold'nen Scheitel, Ist sie ein Weib - und eitel. Bespiegelt und begäffelt sie Sich nicht in jedem Teiche? Begeht sie nicht, so spät als früh, Die tollsten Weiberstreiche? Ein wunderschöner Lebenslauf! - Geschminkt steht sie des Morgens auf, Geschminkt geht sie zu Bette, Wie eine Erzkokette. Sie prätendirt, die ganze Welt Soll sich in sie vergaffen; Sobald ihr's aufzusteh'n gefällt, Da soll kein Thier mehr schlafen: Der Hahn muß auf zum Morgengruß, Sogar die Sonnenblume muß Den Seladon ihr spielen, Und stets nach ihr nur schielen. Sie glaubt, die Vögel übeten Für sie nur ihre Kehlen, Und schämt sich nicht, uns Schlafenden Die Frühmusik zu stehlen: Und können Abends die nicht mehr, So müssen Frösch' und Grillen her, Und ihr ein Tutti singen, Um sie in Schlaf zu bringen. Auch ist sie gar zu sehr erpicht, Mit ihrem Reiz zu prahlen, Stets soll er uns in's Angesicht Ganz ohne Schleier strahlen; Schlei'rt ihn ein Sommerwölkchen ein, So blitzt und donnert sie darein Bei hellen Thränengüssen, Bis sie den Schlei'r zerrissen. Da schwimmt nun ihre Majestät In einem Meer von Glanze, Und wo sie nur vorübergeht, Da huldigt Strauch und Pflanze. Die armen Blümchen dauern mich, Sie bücken bis zur Erde sich; Kein's darf das Köpfchen heben, Bis sie sich wegbegeben. Doch, daß sie niemand d'rum besieht, Wie ihr die Runzeln lassen, So pflastert sie sich täglich mit Demanten und Topassen: Das treibt sie bis zum Augenweh; Doch pflegte sie im Negligé Nur einmal auszugehen, Wir würden Wunder sehen. Mit schönen Mädchen treibt sie gar Ein jämmerlich Spektakel: Nimmt sie nur ein's von weitem wahr, Husch schüttelt sie die Fackel, Und brennt die feinste Lilienhaut So kohlpechschwarz, daß einem graut Und könnte sie, ich glaube, Sie brennte sie zu Staube. Doch wissen ihr auch ritterlich Die Schönen Trotz zu bieten, Und kämpfen gegen ihren Stich Mit Fächer, Schirm und Hüten: D'rum hat Madam wohl hundertmal Gewünscht: Ha! daß die Dirnen all' Von Schmalz und Butter wären, Wie wollt' ich sie zerstören! Zwar, daß sie gern sich trägt zur Schau, Ließ sich noch übersehen; Doch ihre Neugier, gnäd'ge Frau, Ist gar nicht auszustehen. Denn, weil sie grosse Augen hat, So, meint sie, dürf' in Feld und Stadt Nichts unbegafft geschehen, Sie müsse alles sehen. Da guckt, wenn man im Bett noch liegt, Sie durch die Fensterscheiben, Kein Mädchen will, so ungeblickt, Dann mehr im Bette bleiben: Das thut sie bloß aus Eifersucht: In Grotten und in Lauben sucht Sie sich hineinzustehlen, Die Liebenden zu quälen. Ey pfui, Madam, so kurios Ist wohl kein Weib auf Erden. So muß denn alles, klein und groß, Von ihr beglasaugt werden? Was hilft's? verkröche man sich auch Selbst in der Mutter Erde Bauch, Sie ist im Stand der Alten Den Bauch entzwei zu spalten. Sie selbst gibt doch den Frauen kein Gar sonderlich Exempel. Wo sie ist, trollt Herr Mondenschein Sich flugs hinaus zum Tempel. Man weiß ja wohl Frau Ueberall, Warum sie diesen zum Gemahl Vor allen auserlesen - Weil er stockblind gewesen. Kein so verbuhltes Weib gibt's nicht Im Himmel und auf Erden; Bekäm' Herr Mond sein Augenlicht, Er müßte rasend werden. Bis mit den Sternen sie nicht satt Gebuhlt und liebgeäugelt hat, Eh pflegt sie ihren Grauen Nicht einmal anzuschauen. Sie kann, so oft es ihr gefällt, Ein Schnippchen ihm versetzen, D'rum trägt er auch vor aller Welt Zwei Hörner zum Entsetzen; Und will der Hahnrei seinem Weib Zuweilen näher auf den Leib, So kriegt er finst're Blicke Und muß beschämt zurücke. Sie läßt sich zwar die Königin Des Sternenhimmels schelten; Allein den königlichen Sinn Muß man genug entgelten: Sie sengt und brennt ja mörderlich, Und weiß dabei - recht königlich, - Für ihre Hand voll Weizen Des Pflügers Haut zu beizen. Gibt sie die eine Hand uns voll, So nimmt sie mit der andern: Sie geht ja um mit Kraut und Kohl, Als wie mit Salamandern: Mit ächter Königspolitik Versenget sie oft Stück für Stück, Die Felder und die Saaten, Läßt Trauben nur gerathen. Ey, für ein königliches Haupt Heißt das sich sehr vergessen, Wenn man von Unterthanen glaubt, Sie könnten Kohlen fressen. Nicht wahr, Frau Klug, ihr fiel nicht ein, Daß man beim allerbesten Wein Und einer leeren Tenne Fein hübsch verhungern könne. Man nennt mit Recht sie das Modell Von königlichen Geistern, Die mit dem ersten Blicke schnell Ein ganzes Weltall meistern: Denn auch Madam mit ihrem Licht Sieht alles - nur sich selber nicht, Und wird an sich die Flecken Wohl nimmermehr entdecken. Ich aber bin nicht undankbar, Daß ich von ihr gebeichtet, Was lang mir auf dem Herzen war, Indeß sie mir geleuchtet; Denn, um für ihren Sonnenschein Ihr gar nicht obligirt zu sein, Schrieb ich an dem Gedichte Nur Nachts - beim Kerzenlichte.
Aloys Blumauer (1755-1798)
July 23
RegenSommer Nasser Staub auf allen Wegen! Dorn und Distel hängt voll Regen Und der Bach schreit wie ein Kind! Nirgends blüht ein Regenbogen, Ach, die Sonn' ist weggezogen Und der Himmel taub und blind! Traurig ruhn des Waldes Lieder, Alle Saat liegt siech darnieder, Frierend schläft der Wachtel Brut. Jahreshoffnung, fahler Schimmer! Mit den Menschen steht's noch schlimmer, Kalt und träge schleicht ihr Blut! Krankes Weib am Findelsteine Mit dem Säugling, weine! weine Trostlos oder hoffnungsvoll: Nicht im Feld und auf den Bäumen - In den Herzen muss es keimen, Wenn es besser werden soll! Fleh' zu Gott, der ja die Saaten Und das Menschenherz beraten, Bete heiss und immerdar, Dass er, unsre Not zu wenden, Wolle Licht und Wärme senden Und ein gutes Menschenjahr!
(Gottfried Keller (1819-1890)
July 14

Das Unglück lieben Das Unglück lieben - o das heißt, Durch Dorngestrüppe, das uns blutig, Das uns das Kleid vom Leibe reißt, Im Dunkel gehn, am Abgrund mutig; Es heißt nicht gehn im Sonnenschein, Jedoch auch leiden nicht allein. Das Unglück lieben heißt, zugleich Verachtung, Spott und ohne Klagen, Gefaßt auf jeden Wetterstreich, Der Erde Doppellast ertragen, Dem süßen vorziehn bittern Trank Und ernten, ach, nur kargen Dank. Das Unglück lieben heißt, ein Kind Mit heim von öder Straße nehmen, Beschützen vor dem rauhen Wind, Heißt, harten Sinn und Stolz beschämen, Selbst nicht vor Trotz und Widerstand Zurückziehn seine Retterhand. Das Unglück lieben heißt, nicht Flaum Und weiche Polsterdecken lieben, Doch die, die umgehn wie im Traum, Die Ärmsten, die zurückgeblieben, Errettend wiederum hervor Geleiten, zu dem Glück empor. Das Unglück lieben heißt, die Not Des Erdendaseins ganz empfinden, Die Ohnmacht vor dem Machtgebot, Dem kein Geschöpf sich kann entwinden, Heißt streifen an des Engels Flug, Der auf die Welt das Mitleid trug. Hermann von Lingg (1820-1905)
June 12
Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen; du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen, du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen, du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen, du dunkles Netz, darin sich flüchtend die Gefühle fangen. Du hast dich so unendlich groß begonnen an jenem Tage, da du uns begannst, - und wir sind so gereift in deinen Sonnen, so breit geworden und so tief gepflanzt, daß du in Menschen, Engeln und Madonnen dich ruhend jetzt vollenden kannst. Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.
~ Rainer Maria Rilke (1875-1926) ~
June 02
Kindesthränen Willst du die Leiden dieser Erde, Der Menschheit Jammer ganz versteh'n, Mußt du mit scheuer Gramgeberde, Ein Kind im Stillen weinen seh'n; Ein Kind, das eben fortgewichen Aus fröhlicher Gespielen Kreis Und nun, vom ersten Schmerz beschlichen, In Thränen ausbricht, stumm und heiß. Du weißt nicht, was das kleine Wesen So rauh und plötzlich angefaßt - Doch ist's in seinem Blick zu lesen, Wie es schon fühlt des Daseins Last. Wie es sich bang und immer bänger Zurück schon in sein Inn'res zieht, Weil es Bedränger auf Bedränger Mit leisem Schaudern kommen sieht. Willst du die Leiden dieser Erde, Der Menschheit Jammer ganz versteh'n: Mußt du mit scheuer Gramgeberde Ein Kind im Stillen weinen seh'n. Ferdinand von Saar (1833-1906)
May 09
Der Lattenzaun Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da - und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm mit Latten ohne was herum, ein Anblick gräßlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein. Der Architekt jedoch entfloh nach Afri - od - Ameriko.
Christian Morgenstern (1871-1914)
May 08
Das große Glück
Das große Glück, noch klein zu sein, sieht mancher Mensch als Kind nicht ein und möchte, dass er ungefähr gleich 17 oder 18 wär!
Doch schon mit 18 denkt er: Halt! Wer über 20 ist, ist alt. Kaum ist die 20 dann geschafft Erscheint die 30 greisenhaft.
Und dann die 40!Welche Wende! Die 50 gilt beinah als Ende. Doch hat man sie denn dann erreicht, nimmt man das Leben wieder leicht.
Die 60 scheint noch ganz passabel Und erst die 70 miserabel. Mit 70 aber hofft man still: Ich werde 80,so Gott es will.

April 30
Deine Mutter
Liebe, treue Mutterliebe,
edler Schatz in dieser Welt,
die mit sanftem, heil’gen Triebe
bis zum Tod die Treue hält,
die das Kind so zärtlich liebt,
dass sie gerne alles gibt.
Liebe, die für Dich noch betet,
wenn Du gingst auf breiter Bahn,
wo die Sünde Dich gekettet
mit Betrug und eitlem Wahn;
ob sie auch in Trauer weint,
immer hat sie’s gut gemeint.
Liebe die Dich nie verlassen,
ob Dich auch die Welt verstieß,
mochten alle Dich auch hasssen,
Deine Mutter Dich nie ließ,
bis ihr Herz für immer bricht,
lässt Dich Deine Mutter
nicht im Stich.
Mutterliebe, die im Sterben
Noch dem Kinde zugewandt,
wenn die Wangen sich entfärben,
fasst Dich noch die matte Hand,
lächelt Dir den Abschiedsgruß
und empfängt den letzten Kuss.
April 28
Sonnenschein
Sonnenschein in uns'ren Herzen Sonnenschein in aller Welt Sonnenschein vertreibt die Schmerzen Sonnenschein ganz ohne Geld.
Denn die Sonne scheint uns allen Manche aber seh'n sie nicht Lassen sich ins Unglück fallen Wenn ihr Lebenstraum zerbricht.
Lasst sie nicht allein mit Sorgen Seid in ihrer Welt das Licht Für uns alle gibt's ein Morgen Wenn der neue Tag anbricht.
Lasst uns Kummer Lasst uns Sorgen Von uns werfen, ganz weit fort. Hoffen auf den neuen Morgen Hoffen auf ein freundlich' Wort.
Lachen wollen wir und singen Tanzen auch im Sonnenschein Denn dann kehrt in uns'ren Herzen endlich wieder Freude ein.
Düst're Wolken werden weichen Große Sorgen werden klein Und es tanzt in uns'ren Herzen Immerfort der Sonnenschein.
Jasmin Steinweg
Treibsand
Sandkorn, getrieben vom tosenden Meer, angeschwemmt am Strand, eingeholt von Wellen, gefangen im Strudel.
Hochgehoben, um abzustürzen, Versuch, bodenständigen Halt zu finden, den Naturkräften ausgeliefert, erneut verschlungen von dunklen Fluten, Kurzweil im Zustand der Ruhe.
Dann auf den Wellen tanzend, anlandend am Ufer, gewärmt, getrocknet von einem Sonnenstrahl, emporgehoben, fortgeweht vom Wind, Bestimmung findend als Teil einer Düne.
Mensch im Universum geprägt von Zeit und Gezeiten, getragen in schwebender Leichtigkeit oder von Macht und Gewalt beherrscht bis zur Ankunft am endlichen Ziel.
Gerhild Decker
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